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Wulff: Wer mit der Bild

Wer mit der „Bild“-Zeitung im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten“, sagte Mathias Döpfner einmal, der Verlagschef des Hauses Springer, in dem die „Bild“-Zeitung erscheint. Das Boulevardblatt ist die auflagenstärkste Tageszeitung Deutschlands, mit ihr haben deutsche Politiker Karriere gemacht. Und manche haben sie mit ihr auch beendet, wie der Bundespräsident Christian Wulff in diesen Tagen schmerzlich erfahren musste. Weshalb sich die „Bild“- Zeitung nun damit schmücken kann, zum ersten Mal in ihrer Geschichte in der Endauswahl für den „Henri-Nannen-Preis“ aufzutauchen, einem der renommiertesten Journalistenpreise Deutschlands: In der Kategorie „Investigativ“ wurde die „Bild“ für die Enthüllungsgeschichte um Christian Wulffs Privatkredit nominiert.„Wirbel um Privat-Kredit – Hat Wulff das Parlament getäuscht?“ lautete die Schlagzeile: In seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident hatte sich Wulff für den Kauf seines Hauses 500 000 Euro von einem befreundeten Unternehmer geliehen – und den Kredit in eine Bankbürgschaft zu extrem günstigen Konditionen umwandeln lassen, als man ihm auf die Schliche gekommen war.

Als der “Bild”-Artikel Mitte Dezember erschien, hatte der Bundespräsident bereits beim Chefredakteur angerufen, um die Enthüllung zu verhindern. Wenig diplomatisch hatte er auf der Mailbox die Drohung vom „endgültigen Bruch“ mit dem Springer-Verlag hinterlassen. Vom „Kriegführen“ war in seinem Anruf die Rede, und davon, dass der „Rubikon“ überschritten sei. Bis zu diesem Tag hatte zwischen der „Bild“ und Christian Wulff die schönste Eintracht geherrscht. Als er noch Ministerpräsident des Landes Niedersachsen war, war ihm die „Bild“ dabei behilflich gewesen, seiner christlich-konservativen Wählerschaft zu vermitteln, dass Wulff seine Familie wegen einer jüngeren Frau verließ, die schon ein Kind von ihm erwartete, als er noch nicht geschieden war. „Bild“ inszenierte den Ehebruch des Ministerpräsidenten als Liebesglück eines modernen Patchwork-Familienvaters und titelte 2006: „So besonnen wie in der Politik, so besonnen trifft Christian Wulff auch private Entscheidungen“. Und der Ministerpräsident belohnte die „Bild“ mit exklusiven Homestories, es gab unzählige Artikel über Wulffs neue Frau Bettina, von ihren Tatoos bis zu ihrem Rückendekolleté, und das hätte bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag weitergehen können, wenn Christian Wulff nicht einen folgenschweren Fehler begangen hätte: die Gefräßigkeit der Boulevardpresse zu unterschätzen. Am Ende geht es Zeitungen immer um die Auflage – was verkauft sich besser: Bettinas Rückendekolleté oder der Skandal um einen Präsidenten, der sich 500 000 Euro von einem befreundeten Privatunternehmer leiht, während jeder kleine deutsche Beamte schon als bestechlich gilt, wenn er sich nur eine Flasche Wein schenken lässt?  Und der Bundespräsident auch noch dumm genug ist, dem Chefredakteur der „Bild“-Zeitung per Mailbox zu drohen? Allerdings machte sich die „Bild“ keineswegs selbst die Finger damit schmutzig, den Inhalt des präsidialen Drohanrufs selbst zu verbreiten, das übernahmen die Kollegen von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und von der Süddeutschen Zeitung. Und für das, was Journalisten in ihrem Jargon „Weiterdrehe“ nennen – wenn ein Thema eigentlich schon durch ist, und sie nach einem neuen Aspekt suchen, um noch mal über das gleiche Thema schreiben zu können, ohne die Leser zu langweilen – dafür sorgte Bundespräsident Wulff selbst, als er hanebüchene Erklärungen zu seinem Privatkredit abgab und das Problem zu lösen glaubte, indem er seinen Pressesprecher und Vertrauten entließ. Aber da hatte die gesamte deutsche Presse schon Blut geleckt: Bild, Spiegel, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Stern – überall tauchten neue Vorwürfe der Bestechlichkeit gegen Wulff auf, Upgrades auf Flügen, Urlaube in den Villen reicher Unternehmer-Freunde, Lobby-Veranstaltungen auf Kosten von Steuerzahlern, Übernachtungen in einem Luxushotel bezahlt von einem Marmeladenunternehmer, ein Kurzurlaub des Ehepaars Wulff auf Sylt, bezahlt von einem Filmunternehmer, dem Wulff Subventionen verschafft hatte. Immer beklemmender zeichnete sich in den Medien das Bild vom deutschen Präsidenten als Schnäppchenjäger ab: “Geiz ist geil”, wie es in der Werbung eines großen Elektronikmarktes heißt.Wulff versuchte die Affäre Wulff auszusitzen. Noch Anfang Januar gab er den beiden deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern ein Interview, indem er keine Demut walten ließ, sondern ankündigte, nicht zurückzutreten und patzig sagte: „Ich will nicht Präsident in einem Land sein, wo sich jemand kein Geld von Freunden leihen kann.“ Er merkte nicht, dass da aus dem „Bild“-Artikel über Wulffs Privatkredit bereits ein reißender Nachrichtenstrom geworden war, auf dem er wie ein Papierschiffchen trieb. Kurz darauf ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen Wulffs ehemaligen Pressesprecher wegen Bestechlichkeit und durchsuchte seine Privat- und Geschäftsräume. Als es gelang, die Verbindung zwischen Wulffs Mauscheleien als niedersächsischer Ministerpräsident und Wulffs Mauscheleien als deutscher Bundespräsident zu dokumentieren, ermittelte die Staatsanwaltschaft Hannover.
Zum endgültigen Rücktritt führte die Ankündigung, dass Staatsanwälte beim Bundestag die Aufhebung der Immunität von Bundespräsident Wulff beantragt hatten. Der Verdacht: Vorteilnahme im Amt. Ermittlungen gegen einen Bundespräsidenten hat es noch nie gegeben. Schon die alleinige Anfrage der Staatsanwaltschaft ist für Deutschland ein Novum. Mit seinem Rücktritt hat Wulff verhindert, dass der Immunitätssauschuss des Bundestages eine Entscheidung hätte treffen müssen. Die Staatsanwaltschaft kann jetzt frei ermitteln.Ist der Rücktrittein Sieg der deutschen Presse? Der Beweis für ihre Unabhängigkeit? Vielleicht. Vielleicht ist es aber auch ein Beweis für den Vorteil, wenn Verlagshäuser nicht Parteien oder Industriellen gehören, die eng mit der Politik verbunden sind, sondern verschrobenen Erbengemeinschaften, geizigen Familienunternehmen und raffgierigen Unternehmensgruppen, die vor allem eines wollen: möglichst viel Geld verdienen. Und was eignet sich besser für die Erhöhung der Auflage als die Entdeckung, dass der Bundespräsident bestechlich ist?
Natürlich ist es beruhigend, dass man sich in Deutschland über Amtsmissbrauch noch derart aufregen kann, dass sich die Auflage einer Zeitung erhöht. Dafür können die Deutschen auch den Italienern, besonders Silvio Berlusconi danken. Niemand hat in Europa abschreckender als er vorgeführt, wohin es führt, wenn sich ein Ministerpräsident über alle bestehenden Gesetze hinweg setzt. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist die, dass auch in Deutschland in der letzten Zeit immer wieder kleine Berlusconi-Klone gegeben hat, die in der Öffentlichkeit präpotent und schneidig aufgetreten sind und von deutschen Medien dafür gefeiert wurden: Der Fall des ehemaligen Verteidigungsministers Guttenberg ist ein gutes Beispiel. Auch er fuhr im Aufzug der “Bild”-Zeitung hoch. Herunter fuhr er allerdings in dem Aufzug des Internets: Als die “Bild” ihn und seine Frau noch wie ein neues deutsches Königspaar feierte, hatten die Plagiatsjäger aus dem Internet bereits seine Doktorarbeit und damit die hohe Moral des adeligen Ministers zerlegt, der Rücktritt war überfälligKurz vor dem Ausbruch der Affäre Wulff versuchte Guttenberg sich mit einem Rechtfertigungs-Interview-Buch wieder den Weg zurück auf die politische Bühne zu bahnen, das Interview wurde vom Chefredakteur der ZEIT geführt, die Zeitung veröffentlichte Auszüge vorab „exklusiv“. Daraufhin fegte ein in der Geschichte der ZEIT einzigartiger Sturm der Entrüstung über das Blatt hinweg. Manchmal unterschätzen eben auch deutsche Journalisten ihre Leser.

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