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Mafia. In Deutschland die gesungene ‘Ndrangheta

Die Journalistin Petra Reski beschreibt in Attilio Bolzonis Blog den Propaganda-Feldzug, der dazu diente, nach dem Mafia-Attentat in Duisburg den Deutschen die Angst auszutreiben

Petra Reski – Es war im Jahr 2000, als Deutschland entdeckte, dass die ‘Ndrangheta nichts anderes ist, als ein kleines, vom Aussterben bedrohtes Völkchen, so etwas wie die Chiapas. Eine antike Kultur, mehr oder weniger. Mit etwas bizarren Riten, aber eben Kultur. Und eine Kultur kann man nicht vor Gericht stellen.

Das war die Botschaft, die in vielen Artikeln zu lesen war, die erschienen, um die sogenannte “Musik der Mafia” bekannt zu machen, und die noch heute von vielen deutschen Journalisten als “authentische kalabrische Mafia-Kultur’” betrachtet wird. Die Texte waren auf Italienisch und Deutsch beigelegt, etwa das Lied, um die Ermordung des Generals Dalla Chiesa zu feiern: “Getötet ist der General/Ihm blieb nicht mal die Zeit für das letzte Gebet/So schnell wurde er in das Paradies gebracht/Die Mafia ist ein kriminelles Gesetz/Sie lässt dich in Ruhe, wenn sie es will/Aber wenn du hier herumstocherst/Dann beginnt sie zu agieren.”

Die Absichten dieser angeblichen “Volksmusik aus Süditalien” waren ziemlich eindeutig, die von den deutschen Journalisten verbreitete Botschaft jedoch lautete: Die Mafia ist nichts anderes als ein Volk, das archaische Rachefeldzüge und unverständliche Riten zelebriert. Ein Volk, das singt, tanzt und dessen Mitglieder sich hin und wieder gegenseitig umbringen.

Die kalabrische Schriftstellerin Francesca Viscone hat das Phänomen brilliant in ihrem Sachbuch “Die Globalisierung der bösen Ideen” analysiert. Es gab kaum einen Radiosender, eine Zeitung, eine Zeitschrift in Deutschland, die nicht über die Mafiamusik berichtet hätte. Verantwortlich für den Erfolg der Lieder der ‘Ndrangheta war ein kalabrischer Fotograf: Francesco Sbano lebt noch heute in Hamburg und hatte um das Jahr 2000 herum die Idee für die sogenannte “Mafiamusik”.

Die Wendigkeit, mit der es Sbano gelungen war, Kontakte zu Redaktionen zu pflegen, stellte sich in dem delikaten Moment nach dem Duisburger Mafia-Massaker als besonders wertvoll dar: Zum ersten Mal entdeckten die Deutschen die Mafia bei sich zu Hause. Sbano war einer der ersten, der den Journalisten die Mafia erklärte und “exklusives Video-Material” zeigte, als er zusammen mit dem Duisburger Hotelier und Gastronomen Antonio Pelle von der Universität Bochum eingeladen wurde. Der aus San Luca stammende Antonio Pelle betreibt das Landhaus Milser in Duisburg, in dem die italienische Nationalmannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 zu Gast war. Sbano zeigte seinen Film “Männer der Ehre”: vermummte Männer in den Wäldern des Aspromontegebirge, die so kehlig nuscheln, als hätte man ihren Mund mit Teppichklebeband verklebt. Sie posieren auf nervös tänzelnden Pferden und erklären, dass die Mafia so etwas wie das Weltkulturerbe sei. Der Dokumentarfilm läuft noch heute in einigen deutschen Programmkinos.

Für Sbano ist der italienische Staat an allem schuld, vor allem an den Lebensbedingungen in Süditalien. Die Finanzen Süditaliens wären saniert, wenn die ‘Ndrangheta ihre Milliarden legal investieren könne: „Alle hochgestellten Mafiosi mit denen ich gesprochen habe, haben mir versichert, dass eine Legalisierung der Mafia und ein Ende der Schwarzgeldwirtschaft zu einem Wirtschaftwunder in Kalabrien führen würde. Natürlich müsste die Mafia im Gegenzug mit ihren alten, barbarischen Methoden brechen“, sagte Sbano in eine Interview in der Zeitschrift Spex, das von seinem „ausgewählten“ Journalisten Max Dax geführt wurde, dem Koproduzenten der ersten CD mit Liedern der Mafia.

Ein anderer, „ausgewählter“ Journalist ist Andreas Ulrich, Polizeireporter des Spiegel. Ein Jahr nach dem Duisburger Mafiamassaker rühmte sich der Spiegel in seinem Editorial, dass seine Reporter bei ihrer Reportage von einer Person geführt worden seien, „die das Vertrauen der Bosse genießt“: Das größte deutsche Nachrichtenmagazin teilte voller Stolz mit, dass seine Informationen über die Mafia von der Mafia selbst stammten.

Sbano beglückt das deutsche Publium nahezu jedes Jahr mit einer neuen Initiative die den Deutschen ein weiteres folkloristisches Bild der Mafia nahebringt. Im Jahr 2010 schaffte er es sogar, seine Mafiamusik dem Foto- und Essayband „Malacarne“ beizulegen, dessen Autoren (darunter Roberto Saviano) nichts von dieser Gesellschaft wussten: „Leben mit der Mafia“ lautet der Titel des Buchs. Zusammen mit den Fotografien des Bolognesers Alberto Giuliani stützte sich das „berührende Dokument einer Epoche“ (Werbetext des Verlags) nicht nur auf die Beiträge von Roberto Saviano und anderen Personen, die für ihr Antimafia-Engagement bekannt sind – sondern auch auf zwei CD’s mit der Musik der ‘Ndrangheta. Keiner der Autoren wusste, dass ihre Texte zusammen mit der Mafiamusik verlegt worden waren, sonst hätten sie ihre Texte dem Fotografen nicht zur Verfügung gestellt: Alle Autoren haben sich von der unerwünschten Gesellschaft distanziert.

Im Jahre 2011 veröffentlichte Sbano ein Buch, das die angeblichen Ideen eines angeblichen Bosses erklärt und den kuriosen Titel „Die Ehre des Schweigens. Ein Mafiaboss packt aus“ trägt. Wie die Schriftstellerin Francesca Viscone bemerkt, konstruiert Sbano die Autobiografie des Bosses mit den Regeln der Märchen: Abwesenheit von Zeit, Raum und Identität der Handelnden, garniert mit einer Fülle von Riten und Mythen. Reine Mafiafolklore – weder die Erklärungen des Bosses Belfiore noch seine Existenz kann nachgeprüft werden.

Andreas Ulrich, der Spiegel-Journalist und Sbano-Freund, hat ein geeignetes Vorwort für das Werk geschrieben, in dem er den den italienischen Staat und verschiedene Journalistenkollegen angreift, die es gewagt haben, über die Mafia in Deutschland zu schreiben und deren Bücher in Deutschland zensiert wurden (darunter mein Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“). Der schwerste Angriff jedoch galt der italienischen Antimafia-Bewegung: Ulrich definiert ihn als „Wanderzirkus“: „Journalisten, Fotografen, Autoren und Aktivisten jeder Art, die auf der Welle der Mafia-Gegner zu Ruhm gelangen wollen.“ Die Geschichte der Mafia solle allein von den Mafiosi erzählt werden, den einzig glaubwürdigen. Ehrenwort.

Allerdings haben sich Sbano und Ulrich jetzt etwas zu weit vorgewagt. Antimafia-Aktivisten aus Berlin kamen zur Präsentation von Gianluigi Nuzzis Buch „Metastasen“, das Andreas Ulrich zusammen mit dem Antimafia-Staatsanwalt Nicola Gratteri hätte vorstellen sollen. Aber da war Sbanos Buch mit Ulrichs Vorwort schon erschienen und Ulrich wwar gebeten worden, zu Hause zu bleiben.

Dank des Prestiges, das ihm seine Mitarbeit beim Spiegel verschafft hat gelang es Sbano jedoch noch im Jahr 2013, seine Mafiamusik in Berlin im Haus der Kulturen vorzustellen, das vom deutschen Außenministerium verwaltet und finanziert wird. Der Verein „Mafia? Nein Danke“ schickt einen Protestbrief an die Leitung des Hauses der Kulturen.

Im Jahr darauf verliert Sbano jedoch die Geduld. Er dringt in das Museum der ‘Ndrangheta in Reggio Calabria ein, bedroht die anwesenden Mitarbeiter und die Schriftstellerin Francesca Viscone, die ihn seit mehr als zehn Jahren beschuldigt, dank seiner heimtückischen Propaganda-Strategie die Werte der Mafia als volkstümliche Werte zu verkaufen.

„Ihr verursacht uns einen riesigen Schaden. Ich werde Euch ruinieren“, schreit Sbano drei jungen Mitarbeitern des Museums ins Gesicht. Und bedachte, wie die Antimafia-Organisation in einer Solidaritätsnote mitteilte, Francesca Viscone in beleidigendem Ton „mit jenem Ausdruck, den geistig beschränkte Männer Frauen vorbehalten.“

Letztes Jahr, 2016, hat das Gericht von Reggio Calabria Francesco Sbano nach seinem Eindringen in das Museum der ‘Ndrangheta wegen Beleidigung, Bedrohung und Verleumdung verurteilt.

Heute betreibt Sbano ein Restaurant in Hamburg. Hier würden die deutschen Gäste wie „Priester behandelt“. Und können weiter daran glauben, dass die Mafia nur in ein paar rückständigen italienischen Dörfern existiere.

Mission erfüllt.

Petra Reski

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